Hamlet

Hamlet 02 Quelle FMP

Die dänische Königin gibt ihre Tochter als Sohn aus, um die Thronfolge Hamlets zu sichern. Der König wird von seinem Bruder ermordet. Hamlet sinnt auf Rache, tut jedoch so, als sei sie/er dem Wahnsinn verfallen. Als eine Gruppe fahrender Schauspieler*innen dem Königsmörder die verbrecherische Tat vor Augen führt, gibt dieser den Befehl Hamlet zu töten. 

R: Svend Gade, Heinz Schall, D: Asta Nielsen, Paul Conradi, Mathilde Brandt, D 1921, dt. ZT mit engl. UT, 116‘
Live-Musik an der Welte-Kinoorgel: Peer Kleinschmidt

 

Hamlet
Eine Filmeineführung von Dr. Johanne Hoppe

In der ersten Produktion ihrer eigenen Filmfirma bringt Asta Nielsen als Hamlet sexuelle Ambivalenzen und unerfülltes weibliches Begehren zum Ausdruck. Während es zahlreiche Crossdressing-Komödien gibt, bei denen der Wechsel von Geschlechteridentitäten vor allem zum Amüsement betrieben wird, wird er hier vielleicht erstmals ernsthaft auf der Leinwand verhandelt – und das mit Bezug zu Themen wie Macht, Liebe, Rache und Freundschaft in einem der größten Dramen der Weltliteratur. Die zeitgenössische Filmkritik zeigte sich begeistert: „Asta Nielsen war die einzige, die den Dänenprinzen spielen konnte und sie spielt ihn hervorragend, [...] so jünglingshaft, dass man darüber vergaß, dass er eigentlich ein Mädchen sein soll“. (Der Kinematograph) 

 

Produktion

Hamlet war Asta Nielsens erste Filmproduktion mit ihrer eigenen Filmproduktionsfirma, der Art-Film. Die Dreharbeiten für Hamlet erfolgten im Sommer 1920 in den Jofa-Ateliers und in der Goslarer Kaiserpfalz. Gedreht wurde mit zwei Kameras gleichzeitig, um für den europäischen Vertrieb sowie für den Export, insbesondere in die USA, ausreichend Negativmaterialien erster Generation, also bester Güte, zu haben. Die Zulassung des Films erfolgte am 20. November 1921. Uraufführungen waren am 27.1.1921 in der Hamburger Schaubühne und am 4.2.1921 im Berliner Mozartsaal.  

 

Rezeption

Hamlet war 1921 einer der größten Erfolge an den Kinokassen und wurde zum ersten Publikumserfolg eines deutschen Films in den USA nach dem Ersten Weltkrieg. Die deutsche Filmkritik zeigte sich begeistert: „Das ganze Spiel, das sich [...] in fesselnden Bildern entrollt, heißt Asta Nielsen. Ihr schlanker, jungenhafter Körper im eng anliegenden schwarzen Wams, der melancholische Blick ihrer großen träumerischen Augen, eine ganz ursprüngliche kleine Geberde [sic] zwischendurch: das alles wirkt zusammen, um ihrem Hamlet von Anfang an tiefes menschliches Interesse zu sichern“. Der Film „Asta Nielsen war die einzige, die den Dänenprinzen spielen konnte und sie spielt ihn hervorragend, eine Sarah Bernhardt des Films, spielt ihn so jünglingshaft, daß man darüber vergaß, daß er eigentlich ein Mädchen sein soll“. (Der Kinematograph) 

Deutlich wird, dass auch 1921 die Aneignung einer männlichen[1] Rolle durch Asta Nielsen im Fokus der Aufmerksamkeit stand. Übrigens war die erwähnte Sarah Bernardt, berühmteste Theaterschauspielerin ihrer Zeit, selbst um 1900 in zahlreichen Hosenrollen zu sehen. 1899 spielte sie Hamlet in Paris, 1902 auch in Berlin.

Die us-amerikanische Filmkritik hingegen war entsetzt von Asta Nielsens Inszenierung. Lediglich die New York Times zeigte sich begeistert und monierte, dass dies der einzige Asta-Nielsen-Film war, der es in die USA geschafft hatte. In jedem Fall: Hamlet war ein weiträumiger internationaler Erfolg sicher.

 

Überlieferung und Restaurierung

Eine us-amerikanische Exportkopie sicherte zunächst auch die Überlieferung des Films. Sie befand sich seit 1935 in der Filmsammlung des Museum of Modern Art in New York und diente jahrezehntelang für internationale Vorführungen, sogar im Fernsehen der BRD mit ins Deutsche zurückübersetzten Titeln.

2007 erfolgte die Restaurierung durch das DFF, 2014 die Digitalisierung der Fassung, die wir heute sehen. Besonders erfreulich ist hier, dass die ursprünglichen Farben des Filmes aufgrund eines neuen Kopienfundes wiederhergestellt werden konnten. Die Farben kennzeichnen Tageszeiten und Orte: Tageslicht: Gelb, Innenaufnahmen: Rot, Nacht: Blau, Natur: Grün. 


Inhalt und Ursprünge unter Gender-Aspekten

Der Film Hamlet ist eine Literaturverfilmung nicht nur des Shakespeare-Werkes, sondern vor allem des Buches The Mystery of Hamlet von 1881. Der Autor, Edward Vining, ein US-amerikanischer Literaturwissenschaftler, bezieht sich auf eine norwegische Sage aus dem 12. Jahrhundert, die er als Ausgangspunkt des Shakespearschen Hamlet sieht. Er war der Überzeugung, dass Shakespeare, im Rahmen seiner Arbeit an Hamlet immer stärker sogenannte weibliche Eigenschaften des Hamlet-Charakters hervorhob. Asta Nielsens Drehbuchautor Erwin Gepard übertrug Vining’s Veröffentlichung in eine filmische Erzählung: Bereits die einführenden Texttafeln in der Verfilmung erklären dem Publikum, dass es sich bei Hamlet um eine weibliche Person handelt. Zu Beginn des Films befindet sich der dänische König Hamlet in einer Schlacht und wird schwer verletzt. Zur gleichen Zeit gebiert die dänische Königin Gertrude ein Kind. Aus staatspolitischen Gründen gibt sie ihre Tochter nach der Geburt als Sohn aus – Prinz Hamlet wird bejubelt. So sichert die Königin die Macht ihrer Familie. Der König – durch die Nachricht der Geburt eines Erben schlagartig genesen – kann diesen einmal begonnen Betrug nicht mehr aufhalten. Aus diesem diplomatischen Schachzug Gertrudes und ihrer namenlosen Zofe ergeben sich verwirrende Verflechtungen, tragfähige und trügerische Allianzen, und vor allem ein schillerndes Spielfeld für die Auslotung und Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinz Hamlet wird als Monarch erzogen und leidet unter der Bürde, sich seiner Rolle entsprechend „männlich“ zu verhalten. Im Film erklärt sie/er: „Ich bin kein Mann und darf nicht Weib sein! Ein Spielzeug bin ich, bei dem man das Herz vergaß!“ Gleichzeitig entspricht ihre/seine Performanz der eines mutigen Prinzen mit Talent in der Fechtkunst und diplomatischem Geschick.

Der König wird schließlich von seinem Bruder Claudius ermordet. Hamlet sinnt auf Rache, tut jedoch zunächst so, als sei sie/er dem Wahnsinn verfallen, um für harmlos gehalten zu werden. Als eine Gruppe fahrender Schauspieler*innen dem Königsmörder die verbrecherische Tat mit einem von Hamlet ersonnenen Theaterstück vor Augen führt, gibt der mittlerweile zum König gekrönte Claudius den Befehl, Hamlet zu töten. Diese List, den Verdächtigen indirekt zu bedrängen, entspricht dem zeitgenössischen Blick auf eine weibliche Form des Kampfes, die mittelbar und mit Intelligenz statt Körperkraft geführt wird. Genauso tut es Shakespeares ursprünglicher Hamlet. Dieser wirft sich jedoch vor, sich dem Mörder seines Vaters gegenüber nicht männlich genug zu verhalten und feige zu sein. Er vergleicht sich mit Huren und Küchenmägden, wodurch eine deutlich frauenfeindliche Haltung zu Tage tritt. Die Neigung, eigene, als männlich gelesene Schwächen als Ausdruck von Weiblichkeit anzusehen, stimmt mit einem in der Renaissance weit verbreiteten Stereotyp überein, die Frau sei eine minderwertige Variante des Mannes.

Asta Nielsens Hamlet dagegen bringt sexuelle und Gender-Ambivalenzen und unerfülltes weibliches Begehren zum Ausdruck. Sie/er genießt die Nähe zum engen Freund Horatio und nimmt in dieser Beziehung meist die führende, männlich kategorisierte Rolle ein. Aufgrund ihres gespielten Geschlechts bleibt ihre Zuneigung jedoch platonischer Natur. Ophelia gegenüber, die Hamlet auf Anweisung ihres Vaters Polonius Avancen macht, verhält sie/er sich zunächst freundschaftlich und trostsuchend. Als Hamlet Polonius’ Intrige bemerkt, verhält sie/er sich – ohnehin einen Verrückten mimend – Ophelia gegenüber wie ein schlechter Kavalier – mal überschäumend charmant, dann wieder abweisend und überheblich. Hier ganz männlichen Rollenklischées entsprechend.

Asta Nielsen spielte häufiger in Crossdressing-Komödien mit, so auch in Zapatas Bande von 1914 als Räuberhauptmann Zapata oder in Das Liebes-ABC, der in der letzten Ausgabe unseres Festivals zusammen mit „Ich möchte kein Mann sein“ mit Ossi Oswalda zu sehen war. Hier dient der Wechsel von Geschlechteridentitäten vor allem der Belustigung. In Hamlet wird Crossdressing vielleicht erstmals ernsthaft auf der Leinwand verhandelt. In den erwähnten Komödien erfolgt mit dem Happy End auch die Rückkehr zu klassischen Geschlechterrollen.

Die genderbezogene Subversivität der Filme findet in der Handlungsmitte statt. Dort sind deviante Bilder von Geschlecht und Geschlechterperformanz zu sehen. Nielsens Hamlet dagegen bleibt bis zu seinem Ende in seiner uneindeutigen Rolle. Asta Nielsen, die bekannt dafür war, das Geschehen am Set zu kontrollieren, Drehbuch, Kamera und Regie mit zu übernehmen, eignet sich hier eine DER traditionell männlichen Rollen an. Als forscher Dänenprinz ist ihre Inszenierung nicht allzusehr darum bemüht, ihre Weiblichkeit zu kaschieren. Wir sehen ihren Hamlet in vielen nahen und halbnahen Kameraeinstellungen, die deutlich machen, dass gerade diese geschlechtliche Ambivalenz im Fokus steht. Asta Nielsen fordert so althergebrachte Rollenbilder heraus, ohne sie lediglich umzukehren. Hamlet bleibt eine ambivalente, ja fluide Figur. Während im Film vergeschlechtlichte Attribute gesetzt werden – so haben Frauen ein „goldenes Herz“, Männer hingegen sind die aktiv Handelnden – dürfen diese Zuschreibungen sich mit Hamlet vom biologischen Geschlecht lösen. Die Figur darf sowohl weibliche als auch gleichzeitig männliche Attribute zu eigen haben. So entsteht eine umfassende Vielschichtigkeit in der Persönlichkeit Hamlets.

 

Abschließender Ausblick

Die Figur des Hamlet beschäftige Asta Nielsen bis ins hohe Alter. In den 1960er Jahren produzierte sie Stoffcollagen. Darunter ein Selbstportrait als Hamlet, dass sie mit erloschenen Augen zeigt. Auch die Filmwelt setzt sich weiterhin mit Hamlet auseinander: Der neue Film von Oscarpreisträgerin Chloé Zhao, der im Januar 2026 in die Kinos kommt, hat den Titel „Hamnet“ und befasst sich mit der Trauer des historischen William Shakespeares und seiner Frau Anne Hathaway um den Verlust ihres Sohnes Hamnet. Eine gänzlich neue, biographische Perspektive auf das Drama.

Ich wünsche Ihnen nun ein spannendes Kinoerlebnis mit einer Geschichte voll großer Themen wie Macht, Liebe, Rache und Freundschaft in einem der größten Dramen der Weltliteratur.

[1]
Im Text werden die Begriffe weiblich und männlich benutzt, wohl wissend, dass Geschlecht ein Spektrum und keine Binarität ist. Nur so ist es jedoch möglich, die Genderaspekte des Films herauszuarbeiten.

Dr. Johanne Hoppe ist Filmhistorikerin und -kuratorin. Von 2014 bis 2024 war sie wissenschaftlich-künstlerische Mitarbeiterin am Filmmuseum Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Feminismus und Film, der kritische Umgang mit NS-Filmerbe Queer Cinema und lokale Kinogeschichte. Im Jahr 2020 promovierte sie mit einer Arbeit zur Diskursgeschichte des NS-Films nach 1945. Sie ist Mitbegründerin von TOP GIRL - einem Kinokollektiv aus Berlin und Brandenburg, das sich dafür einsetzt, feministisches Filmerbe sichtbarer zu machen.

 


Gezeigt und vorgetragen im Rahmen des 1. Filmerbefestivals "Als QUEER schwarz-weiß war" 2024 im Filmmuseum Potsdam

Mit freundlicher Unterstützung durch den QueerScope e.V. 

Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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